
HÔTEL STADTHAUS ARNSTADT – ÜBERNACHTEN IM DENKMAL
Porträt eines Hotels
Wenn das prominent auf dem Arnstadter Altstadthügel residierende Hotel ein Statement abgeben könnte, würde das etwa so lauten:
Ich bin nicht einfach ein Hotel. Hast Du den französischen accent circonflexe auf dem ô übersehen? Im Französischen bezeichnet ein Hôtel einen Amtssitz: Ein Rathaus, ein öffentliches Gebäude, ein repräsentatives Stadthaus, das für verschiedene Funktionen steht – und auch, aber nicht nur, ein Hotel.
Als historisches Baudenkmal bin ich ein Kulturgut, das die erlebbare Verbindung zur Vergangenheit Arnstadts herstellt. Meine prächtige Außenfassade ist kein Selbstzweck. Genau wie das Interieur dahinter erzählt sie von den architektonischen, handwerklichen und ästhetischen Fähigkeiten vergangener Meister.

Ich bin also nicht einfach nur ein Hotel. Mein Anspruch geht weit darüber hinaus. Zielgruppe – so formulieren es meine beiden Eigentümer – sind Gäste mit einem gewissen Bildungsniveau. Zahlungskräftigkeit sei auch erwähnt. Am wichtigsten ist die Bereitschaft, sich auf mich einzulassen.
Wie kommt so eine extravagante Location nach Arnstadt? Eine Kleinstadt in Thüringen, die man respektlos ein no-name-Städtchen nennen könnte, gelegen im Schatten der drei thüringischen Platzhirsche Eisenach, Erfurt und Weimar.
Die Wurzeln reichen zurück bis ins 15. Jahrhundert, eine Zeit gewaltiger Umbrüche. Das Mittelalter ist dabei, sich zu verabschieden. Abenteurer wie Christoph Columbus und Vasco da Gama machen sich auf zu neuen Ufern, neuen Erkenntnissen und neuen Reichtümern. Der Buchdruck und die Druckerpresse revolutionieren die Bildung und schieben die Aufklärung an. Die Kirche hält dagegen mit Buchzensur und –verbot, Ketzerverfolgung und Inquisition. Der Ablasshandel floriert und Martin Luther, der dieser Schacherei später ein Ende setzen wird, ist noch ein Teenager. In Arnstadt bauen Franziskanermönche auf ihrem Klostergelände einen Keller, um Wein und Bier zu lagern. Über dem Keller entsteht später ein Haus: Der Urvorfahr des heutigen Hotels.
Über die Jahrhunderte dient das Haus immer irgendwelchen Zwecken, wird aus- und umgebaut und wechselt die Besitzer. Jedes Jahrhundert hinterlässt seine Spuren. Spektakulär oder geheimnisvoll ist dieser Lebenslauf aber nicht. 1864 findet das Gebäude seine vorläufige Bestimmung als Handschuhfabrik, immerhin mit internationalem Renommee. Die politische Wende Anfang der neunziger Jahre bringt dem inzwischen verstaatlichten Werk das Aus.
Der Rest ist schnell erzählt. Ein aus dem Westen nach Thüringen zugezogenes Paar, Judith Rüber und Jan Kobel, erwirbt das verfallende Anwesen. Beide haben offensichtlich sehr dezidierte Meinungen und Standpunkte zur (erbärmlichen) Lebensqualität unserer kleinen und mittleren Städte und entwickeln eine Theorie zu dem Begriff „Analoge Stadt“: Wiederbelebung der Innenstädte durch Erlebnisräume, durch eine neubelebte Einzelhandels- und Restaurantszene, durch Handwerkliches, eine sorgfältige Denkmalpflege und eben auch ein kongeniales Hotel.
Dazu kam das geschulte Auge von Jan Kobel (er ist Unternehmensfotograf), das das Potential der Bauruine oben auf dem Altstadthügel Arnstadts zielgenau erfasste. Nach jahrelanger Sanierung eröffneten Rüber und Kobel 2013 das aus dem ursprünglichen Franziskanerkeller erwachsene Anwesen als Hotel mit sechs Zimmern und zwei Ferienwohnungen.
Kein Hotel wird jemals die Erwartungen jedes Gastes erfüllen. Aber es gibt Kriterien, an denen sich jedes Hotel messen lassen muss. Das gilt auch – Baudenkmal hin oder her – für das Hotel „Hôtel Stadthaus Arnstadt“.

Ein Hotel ist ein komplexer Organismus. Hardware (Gebäude, Raumaufteilung, Möblierung) und Software (Organisation von Service, Abläufen, Angeboten) liefern Daten, die zählbar, messbar und quantifizierbar sind. Aus ihnen entwickelt der DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) die Hotelsterne. Ihre Vergabe ist für die Hotels freiwillig und kostenpflichtig. Es werden zwischen einem und fünf Sterne vergeben. Sie vermitteln eine supereinfache Wahrheit, die selbst ein ABC-Schütze begreifen kann: Fünf Sterne sind „besser“ als vier Sterne, vier sind „besser“ als drei und so weiter … Was „besser“ bedeutet, bleibt der Fantasie und den Erwartungen des Hotelgastes überlassen. Die Wahrheit der Hotelsterne ist also bestenfalls vermeintlich. Oft genug einfach nur ernüchternd oder schlicht enttäuschend, dann nämlich, wenn sie mit der Fantasie und den Erwartungen des Gastes nicht übereinstimmt. Verstehen Sie nun, dass das Stadthaus Arnstadt (wie andere Hotels auch) auf die Hotelklassifikation durch den DEHOGA verzichtet?
Neben Hard- und Software ist ein weiteres, ein essentielles Kriterium unabdingbar. Man könnte es Lifeware nennen. Die Leitung des Hotels – meist besonders positiv, wenn inhaber- oder familiengeführt – samt ihrem Team sowie die Hotelgäste und die Interaktion all dieser Charaktere. Sie erzeugt das, was man mit einem unzureichenden Begriff „Atmosphäre“ nennt. Für die DEHOGA spielt sie keine Rolle. Sie entscheidet jedoch wesentlich mit über Erfolg oder Niedergang.
Im Folgenden gehe ich auf diese Kriterien näher ein und beginne mit Hardware und Software:
Die Sanierung und Umgestaltung der alten Handschuhfabrik muss für die beiden zukünftigen Hoteliers eine Mammutaufgabe gewesen sein. Materiell, finanziell und vermutlich auch voller bürokratischer Kleinkrämerei. Hartnäckigkeit darf also auch nicht unerwähnt bleiben. Es dauerte mehrere Jahre. Ohne die übergreifende Vision der beiden („Analoge Stadt“) – wer weiß, ob sie sich diesen Job überhaupt zugemutet hätten? Sie haben ihn gut gemacht.

Die historische Substanz wurde erhalten oder erneuert und mit Durchdachtheit und Ästhetik kombiniert. So sind zum Beispiel die Wände beheizbar und kein moderner Heizkörper stört. Zimmer und Frühstücksraum vermitteln Klarheit und Ruhe. Der Empfangsraum – keine Hotellobby im gängigen Sinn – ist eine wunderschöne Visitenkarte mit einer Sitzgruppe, Büchern und holzgetäfelt. Ausstattung und Möblierung der Zimmer entsprechen dem Gesamtkonzept, beziehen auch Kunstwerke mit ein. Es fällt auf, dass nüchterne Hotelfunktionalität und jede Art von schrillen Blickfängern ausgespart sind. .Die Möbel meines Zimmers waren schlicht (für den einen oder anderen vielleicht irritierend schlicht), teilweise historisch, formvollendet. Matratze und Bettwäsche vom Besten.
Die Organisation der Gästebetreuung ist einwandfrei. Der Frühstücksservice ist zeitlich auf jeden Gast individuell angepasst, ein feiner, kleiner Service, der vielleicht garnicht weiter auffällt. Die Erreichbarkeit der Eigentümer per Telefon ist jederzeit gewährleistet.
Im Stadthaus Arnstadt ist Judith Rüber die Patronne. Von ihrem Schreibtisch im Empfangszimmer des Hotels aus, gleich links neben dem Eingang, managt sie die Alltagsabläufe. Da der Gast in der Regel angekündigt ist und erwartet wird, ist der Empfang persönlich und zugewandt und individuelle Anliegen werden umstandslos und gastfreundlich ausgehandelt. Schon das Procedere vorab in Zusammenhang mit der Buchung, per Telefon oder Mail, spielt sich auf persönlicher Ebene ab. Basisinformationen in Bezug auf Frühstückszeiten, empfohlene Restaurants nahebei (kein Restaurant im Hotel), WLAN-Zugang, Parkmöglichkeiten, Erreichbarkeit der Inhaber und ähnliches werden bei Ankunft und auch sonst von Frau Rüber und ihrem freundlichen Team jederzeit individuell geklärt. Das Paar Rüber/Kobel verfügt offenbar selbst über eine ausgiebige Erfahrung als Hotelgäste und hat die dabei gewonnenen Erkenntnisse kundig umgesetzt. Die Kommunikation mit den Gästen ist persönlich, hilfreich und immer mit genügend Zeit, ohne in unpassender Weise vertraulich zu werden, dabei professionell, ohne auf Distanz zu bestehen.

Zwei wichtige Kriterien, die über Atmosphäre und Befindlichkeit des Gastes mitbestimmen, sind Zimmeraussicht und örtliche Lage des Hotels. Von den beiden Fenstern meines Zimmers im ersten Stock fiel der Blick auf den Platz „Am Pfarrhof“, ein geräumiges, in Sonnenlicht getauchtes Gelände, das die gesamte Kuppe des Altstadthügels einnimmt. Drei Alphas gestalten den „Pfarrhof“: Der monumentale Block der Oberkirche, Nachfolgerin des alten Franziskanerklosters, mit frühbarocker Innenausstattung; das Hôtel mit seiner auftrumpfenden Fachwerkfassade; und ein mächtiger Lindenbaum, der während meines Besuchs im Juni in voller Blüte stand und Welle um Welle rauschhaft-süßen Lindendufts in meine Kemenate wehte.
„Am Pfarrhof“ stört kein Autolärm. Parken dürfen nur Anlieger, Durchgangsverkehr ist verboten und wird durch einige Sperren nachhaltig umgesetzt. Das letzte bißchen, was noch gefehlt hat, gibt’s natürlich auch – eine Kaffeerösterei mit Mini-Cafeteria gleich neben dem Hotel, eine Art grüne Laube mit Kiesboden und Gartenmöbeln wie anno dazumals, zu der ein nachmittägliches Kaffeegedeck einfach dazugehört …


Wer könnte bei diesem Gemenge aus Sonnenlicht, Stille, Linden- und Kaffeeduft und umsichtiger Hotelbetreuung nicht friedlich und klar im Kopf werden?
Im Sinne eines marketinggesteuerten Allgemeintourismus sind die thüringische Kleinstadt und ihr Hotel eher unspektakulär. Arnstadt gehört im Wesentlichen den Arnstädtern. Die Stadt bezeichnet sich als Bachstadt, da die Vorfahren des großen Johann Sebastian hier lebten und er selbst als junger Organist hier den Grundstein zu seiner späteren Musikkarriere in Leipzig legte. Es gibt also Bachkonzerte, Bachwochen und die entsprechende musikaffine Besucherschaft. Ein Gang durch die Altstadt führt durch völlig unaufgeputzte, teils holprige, steile und enge Gassen. Ausnahme ist die versteckte Untergasse, im Sommer ein Paradiesgärtlein. Das Hôtel Stadthaus mit seinen weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln, ein tadellos geführtes Gästehaus, bietet – und beansprucht auch – seinen Status als Kulturerlebnis. Alles wie gesagt unspektakulär. Und sehr speziell.
